In der Zone des Innehaltens

Begeisternd: Das junge Ensemble für neue Musik "Saitenblicke" stellt sich mit zwei Uraufführungen vor

Berliner Zeitung, 09.07.2007 - Feuilleton - Seite 30

Wolfgang Fuhrmann

Wenn junge Menschen ein Ensemble für junge, also neue Musik gründen, dann ist das allemal zu begrüßen. Im Fall des Ensembles Saitenblicke kommt man allerdings rasch über solche netten Floskeln hinaus, denn es hat gleich bei seinem Debütkonzert im Ballhaus Naunynstraße am Freitag einen so beglückenden und begeisternden Abend gegeben, dass man nur staunen konnte. Beglückend und begeisternd waren vor allem die beiden Stücke zu Beginn und Ende, die einzigen wirklichen Ensemblestücke des ansonsten kammermusikalisch angelegten Konzerts: Christoph Funabashis "In my place" und Mayako Kubos "Am Anfang war das Meer", beides Uraufführungen. Bei beiden stellte sich sofort der Wunsch ein, sie noch einmal zu hören - und das passiert mir, leider, äußerst selten. Christoph Funabashis "In my place" folgt - bewusst oder unbewusst - der Dramaturgie elektronischer Tanzmusik, ohne sich deren spezifischer Klanglichkeit irgendwie anzubiedern. Alles ist für die guten alten akustischen Instrumente geschrieben. Das ganze Stück basiert auf einem durchgängigen Beat, der aber durch ständigen Klangfarbenwechsel und geschickt kontrastierende Einwürfe niemals stumpfsinnig wirkt; die Loops, also die Wiederholungen, sind in ihrer Dauer immer und immer unregelmäßig beschränkt. Zu diesen Wiederholungsstrukturen gehören auch so verführerische wie unverständliche Vokalisen oder Hechellaute der Singstimme (Friederike Harmsen), die Zeilen aus Walt Whitmans "Song of Myself" singt. Diese Zeilen haben Funabashis Stück inspiriert, aber es handelt sich nicht um eine "Vertonung"; die Stimme wird ganz gleich behandelt wie die anderen Instrumente. Der Beat wird also wie in einem Mosaik aus ganz unterschiedlichen Ereignissen zusammengesetzt, das macht das Stück auch für den denkenden Hörer interessant. Und dann gibt es, wie auf der Tanzfläche, Momente der plötzlichen Suspension - wenn der Beat plötzlich aussetzt und in seiner hörbaren Abwesenheit die Klänge in der Luft zu schweben scheinen. Das Ende des Stücks ist so eine Zone des Innehaltens, in der sich Flautando-Klänge der Streichinstrumente zu einem mysteriösen Säuseln verweben und verschweben.

Noch wunderbarer, leuchtender und geheimnisvoller ist Mayako Kubos "Am Anfang war das Meer"; dem Ensemble zu seinem eigenen Anfang gewidmet. Ohne im geringsten illustrativ zu sein, spürt man hier tatsächlich des Meeres Wogen und des Windes Wehen; man kann die sanfte Wellenbewegung, die das Stück passagenweise durchzieht, aber auch vegetativ verstehen, als Atmen. Die Bewegung ist nicht durchgängig; es gibt Momente von einer nahezu grafischen Klarheit, in denen Töne und ihre Farben in einer Schlichtheit nebeneinander gesetzt werden, als hätte es überhaupt noch nie einen Klang auf dieser Welt gegeben. Angesichts eines Gegenwartskomponierens, das sein Heil großteils in Materialschlachten oder in bulimischer Auszehrung sucht, sind Stücke wie dieses ein Erlebnis: Sie vermitteln eine Idee von Schönheit.

Es gab noch eine weitere Uraufführung Mayako Kubos an diesem Abend, das schöne Streichtrio "Turning Points"; außerdem war sich die Komponistin nicht zu schade, beim Stühle- und Notenpultrücken mitzuhelfen. Vielleicht fühlt sie sich für das Ensemble Saitenblicke verantwortlich, denn es ist hervorgegangen aus einer gleichnamigen Konzertreihe im Ballhaus Naunynstraße, die zuletzt ein Porträtkonzert Kubos bot. Über die nicht weniger als sieben weiteren Programmpunkte des Abends ließe sich streiten; aber (fast) alle beeindruckten durch die Unbefangenheit, mit der über die Verspanntheiten vieler neuer Musikstücke hinweggegangen wurde. Eindruck machten etwa Paul Mertens' poetische Laske-Schüler-Vertonungen "Mein stilles Lied", Detlev Glanerts kapriziöse "Orlando-Lieder" oder Rainer Rubberts in sich ruhendes "Philippe's gone" für Violine und Gitarre. So kann man den Abend insgesamt als eine ästhetische Stellungnahme des Ensembles verstehen, das derzeit auch Kompositionsaufträge an Franz Martin Olbrisch und Christoph Knapmeyer vergeben hat. Das Ensemble Saitenblicke gründete sich im September 2006. Es besteht derzeit aus zehn Musikern: Geiger, Bläser, eine Gitarristin, eine Sängerin und die Dirigentin Mari Watanabe, deren schwungvolle Leitung zum Erfolg der beiden Stücke erheblich beitrug. Die jungen Instrumentalisten kommen aus Japan, Amerika, Deutschland, Ungarn, den Niederlanden; alle sind mit Engagement bei der Sache und alle leben in Berlin, dieser Hauptstadt, der solches Engagement für die Kunst ganz unverdient in den Schoß fällt. Das nächste Wunschprojekt ist noch ein Porträt Mayako Kubos zu deren 60. Geburtstag im Dezember. Spätestens dann wollen wir "Am Anfang war das Meer" ein zweites Mal hören.

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